Solarprojekte Vietnam Teil 3: Abenteuer, Lebensgefahr & unser Besuch bei ethnischen Minderheiten

Anne Haffner | reisefroh.de Autor/in: Anne Haffner

Wir finden keinen Anfang für diesen Artikel, keine Worte, die beschreiben könnten was wir in den letzten Tagen erlebt haben und auch Bilder, die ja bekanntlich ‚mehr sagen als tausend Worte‘, schaffen es nicht die Emotionen einzufangen, das Erlebte widerzuspiegeln, die Begegnungen zu umschreiben oder die Atmosphäre einzufangen…

Während unserer Vorbereitung für die Solarprojekte in Vietnam sind wir Schritt für Schritt eingetaucht in das Vietnam fernab des Tourismus.

Wir haben uns tagelang mit der vietnamesischen Bürokratie rumgeschlagen, unser Durchhaltevermögen an seine Grenzen gebracht, Motivation aus Hoffnung geschöpft und nach vier anstrengenden Wochen dann endgültig das OK für unsere Solarprojekte bekommen.

 

Der Startschuss für etwas, an das wir schon fast nicht mehr geglaubt haben!

 

 

Video: Die erfolgreiche Projektumsetzung nach all den mühsamen Vorbereitungen 🙂

Der Vorbereitungskrimi in Kurzfassung

 

Nach über sechs Tagen zähen Verhandlungen mit den Bürokraten hatten wir also endlich einen Deal:

Wir schenkten die Solaranlagen offiziell einer vietnamesische Hilfsorganisation die bereits in dieser Region tätig war, reisten selbst als Privatpersonen (sprich „normale Touristen“) nach Yen Minh und würden ganze acht Helfer und zwei vietnamesische ‚Aufpasser‘ zur Seite gestellt bekommen, die regelmäßig an die Regierung berichten müssten.

Der größte Haken aber war, dass wir aller Verhandlungen zum Trotz nur eine extrem kurze Aufenthaltsgenehmigung von zwei Tagen erhielten. Alternativlos willigten wir ein, wohl wissend, dass die Installation von 20 Solaranlagen in nur zwei Tagen eine riesige Herausforderung werden würde.

 

Abenteuer Vietnam: Solarsysteme

Unsere Solarsysteme auf einer der Schulen in einem abgelegenen Bergdorf.  🙂

 

Aber obwohl wir schon bei der Vorbereitung merkten, wie politisch hoch komplex, schwierig und gleichzeitig spannend die Projekte werden würden, so hatten wir auf unserem langen Weg in den Norden des Landes doch keinen blassen Schimmer, was uns eigentlich erwarten würde.

Wie sich herausstellen sollte war das, was wir bisher auf Reisen erlebt hatten, nichts im Vergleich zu den Abenteuern die uns noch bevorstanden! Wir wussten nicht, dass wir uns in Lebensgefahr begeben, in der Polizeikaserne übernachten und in unsagbar abgelegene Bergdörfer fahren würden die vor uns noch NIE ein Westler zu Gesicht bekommen hatte…

 

Abenteuer Vietnam: Landschaft im Nebel

Eines der kleinen Bergdörfer im Morgengrauen.

 

 

Wenn aus Pflicht Freundschaft wird

 

Das Gefühlschaos beim Vorbereitungsmarathon unserer Solarprojekte war groß. Mal ist es Frustration, mal erfreuen wir uns an der Herausforderung, dann müssen wir wieder unsere Motivation neu finden und irgendwann wollen wir am liebsten alles stehen und liegen lassen.

Als wir dann aber den Deal mit den Bürokraten aushandeln können, scheint es als hätte sich all der nervenaufreibende Aufwand gelohnt. Unsere Solarprojekte versprechen richtig spannend zu werden. 🙂

 

Wären da nicht unsere „Aufpasser“. Auf der einen Seite klingt das natürlich nach der perfekten Story, auch irgendwie typisch kommunistisch (ähnlich einer Reise durch Tibet oder Nordkorea…), aber auf der anderen Seite müssen wir befürchten, dass der Spaß- und Wohlfühlfaktor ganz schön verloren gehen könnte und vor allem der uns so wichtige Kontakt mit den Menschen vor Ort.

Dürfen wir überhaupt mit ihnen sprechen, ihnen Fragen stellen?

 

Der Druck auf uns ist enorm. Denn wir werden unter ständiger Beobachtung stehen. Wir dürfen uns menschlich keinen Fehler erlauben, sollten möglichst alle kulturellen Fettnäpfchen vermeiden und natürlich ganz wichtig: die Solarsysteme müssen auf Anhieb einwandfrei funktionieren.

Sonst bekommen nicht nur wir Probleme, sondern auch die vietnamesische NGO, die für uns bei der Regierung gebürgt hat…

Unsere ‚Aufpasser‘ werden uns schon ab Hanoi begleiten (damit wir von Anfang an unter Beobachtung stehen) und umso aufgeregter sind wir als wir uns einen Tag vor der Abreise mit ihnen treffen. Sie werden zu uns ins Hotel kommen, die Solaranlagen prüfen, mit uns die Details abklären und erst dann werden wir unser endgültiges OK bekommen…

 

Abenteuer Vietnam: Unser Team

Von links: Sebastian, zwei der Lehrer vor Ort, unser Helfer Van, ein weiterer Lehrer und Anne. 🙂

 

 

Auf zwei eingestaubte Beamten wartend, sitzen wir also in der Hotellobby als sich zwei junge Vietnamesen etwas unsicher an den Tisch neben uns setzten. „Sind sie das etwa?“ – Wir schauen uns fragend an, schütteln einvernehmlich den Kopf und warten weiter.

Aber wie so oft (und gerade in Vietnam) kommt es anders als erwartet. Denn die zwei jungen, lockeren und freundlichen Vietnamesen sind in unserem Alter und entpuppen sich tatsächlich als unsere „Aufpasser“! 🙂

 

Aber sie arbeiten keineswegs für die Regierung sondern für eine vietnamesische NGO. Sie sind also selbst Volontäre die sich genau wie wir mit der vietnamesischen Bürokratie herumschlagen müssen. Aus dem ursprünglichen ‚Deal‘ wurde der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, und so zogen wir gemeinsam los.

Sie zeigten uns ihre Lieblingsorte in Hanoi, eine Stadt, die im Laufe der Zeit und vor allem dank unserer beiden Stadtführer zu einer unserer liebsten asiatischen Großstädte wurde.

 

Die schönsten Sehenswürdigkeiten und besten Insidertipps der Hauptstadt haben wir hier für Dich:
Hanoi – Sehenswürdigkeiten, Insidertipps & eine Liebeserklärung.

 

Abenteuer Vietnam: Unser Helfer Van

Unser neuer Freund, „Aufpasser“ und Übersetzer – Van.

 

Abenteuer Vietnam: Übersetzerin Tuang

Unser Organisationstalent, Übersetzerin und Fettnäpfchenwächterin – Tuong.

 

 

Als ‚abgelegenes Bergdorf‘ eine neue Bedeutung für uns bekam

 

Unsere Odyssee begann schließlich am 6. Januar 2017 als wir uns nichtsahnend auf den Weg zu unseren Solarprojekten ganz in den Norden Vietnams machten. Genauer gesagt in den Yen Minh Distrikt, knapp 20 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt.

Diese Region ist, das konnten wir auf Google-Maps erkennen, durchaus das, was man als „abgeschieden“ bezeichnen kann. Wir stellten uns also auf eine lange und holprige Fahrt ein.

 

Abenteuer Vietnam: Solarmodul und Flagge

Eine von 20 Anlagen die wir auf den Bergschulen installiert haben! 🙂

 

 

Nach acht Stunden im Nachtbus waren wir nachts um halb vier in der Provinzhauptstadt Ha Giang, von wo aus uns ein freundlicher Bekannter des Polizeichefs (zu einem vergünstigten Tarif – Du weißt schon: Gefallen und so…) in das drei Stunden entfernte Yen Minh brachte.

Dort machten wir einen kurzen Zwischenstopp bei der Polizeibehörde um uns die Einreise schriftlich bewilligen zu lassen (ähnlich wie in Tibet benötigen Touristen hier eine Sondergenehmigung), bevor es dann nochmal zwei Stunden lang mit dem Auto nach Ngoc Long ging.

 

Wir steigen aus dem Auto, sehen das kleine aber doch recht nette Bergdorf, einen großen Markt und eine große Schule aus Stein… Die Stromleitungen sind unübersehbar und wir plötzlich skeptisch. Sollte das etwa eine der Schulen ohne Strom und ohne Licht sein?

Mittlerweile umgeben von zahlreichen Polizisten, neugierigen Dorfbewohnern und einer Horde von Schulkindern, die uns alle neugierig beobachten, schauen wir uns verdutzt an und fragen vorsichtig mal unsere Übersetzer: Ist das hier etwa schon eine der Projekt-Schulen?

 

Wohl wissend, was uns in den nächsten Stunden noch erwartet, fangen sie laut an zu lachen. Nein, das hier ist natürlich nicht eine der Schulen sondern lediglich der Ausgangspunkt unserer Eskorte! 🙂

 

Und so werden 100kg Solaranlagen, zwei Übersetzer, acht Polizisten und wir auf klapprige Motorräder umgeladen…

 

Abenteuer Vietnam: Schulkinder

 

Ab hier fängt das wahre Abenteuer an. Es gibt keine festen Straßen mehr und auch nicht einmal annähernd etwas, das über einen schlammigen Trampelpfad hinaus geht. Ab jetzt geht es nur mit dem Motorrad weiter oder zu Fuß.

Da es am Tag davor geregnet hat, sind die verbeulten Schlammwege extrem rutschig und der Weg entlang der Felsen noch gefährlicher als er es ohnehin schon ist. Wir fahren entlang steiler Bergpfade auf Straßen, die sich nur erahnen ließen. Ein Motorrad nach dem nächsten rutscht weg, manche kippen um, die Gegebenheiten sind sogar für die geübten Bergfahrer eine große Herausforderung.

 

Hier ein kurzes Video dazu:

 

Zwei Stunden später kommen wir (kurz vor dem Herzstillstand) beim ersten Bergdorf an. Der Angstschweiß steht uns im Gesicht, aber es ist außer ein paar Ausrutschern nichts Schlimmes passiert und an den Rückweg wollen wir jetzt erst mal nicht denken.

Im Nachhinein betrachtet sind wir auch froh darüber, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten welche krassen Wege uns am zweiten Tag erwarteten. Sie waren noch viel, viel gefährlicher und wir sind nur mit einer großen Portion Glück heil am Ziel angekommen. Hätten wir das zuvor gewusst wären wir vermutlich nicht wieder aufs Motorrad gestiegen…

 

 

Lehmhütten, Berglandschaften & unser Besuch bei der ethnischen Minderheit der Hmong

 

Kleine, braune Lehmhütten, atemberaubende Aussichten auf die umliegenden Berge, strahlender Sonnenschein und Einwohner in traditioneller Kleidung. Der zunächst absolut idyllisch anmutende Eindruck trügt.

Die Region wird hauptsächlich von ethnischen Minderheiten besiedelt, insbesondere durch die Volksgruppe der aus China stammenden Hmong‘.

Die Menschen leben noch heute von der Subsistenzwirtschaft und kämpfen, abgeschieden von der modernen Zivilisation, mit den schwierigen Bedingungen vor Ort. Da sie selbst kaum Möglichkeit auf Einkommen haben und von der Landesregierung keinerlei Unterstützung bekommen, leben sie in großer Armut.

 

Abenteuer Vietnam: Ein Schulzimmer

In diesen dunklen Lehmhütten – die auch gleichzeitig den Lehrern als Koch-, Schlaf- und Wohnraum dienen – werden die Kinder unterrichtet.

 

Abenteuer Vietnam: Große Armut

Diesen Kindern steht die Armut ins Gesicht geschrieben.

 

Abenteuer Vietnam: Lehmhaus als SchuleWenn wir das erste Mal bei neuen Solarprojekten ankommen werden wir üblicherweise schon erwartet. Die Dorfbewohner kommen neugierig angelaufen, alle sind gespannt wer wir sind und was wir hier machen…

Nicht aber dieses Mal.

Mitten in den Bergen ist es ruhig, die Vögel zwitschern und nur selten sehen wir einen Dorfbewohner von Weitem. Aber wir sind nicht unbeobachtet. Unsicher schleichen sich ein paar Kinder an, kichern und laufen wieder weg sobald sich unsere Blicke kreuzen.

 

Abenteuer Vietnam: lachende Kinder

 

Routiniert beginnen wir mit der Installation der Solaranlagen. Zuerst drei Schulräume im ersten Dorf, dann fahren wir weiter zum Nächsten. Immer wieder ist das Verhalten der Dorfbewohner ähnlich.

Wir werden beobachtet, aber es traut sich keiner so recht zu uns zu kommen und als ich auf sie zugehe, laufen sie weg. Was ist nur los?

Wir wissen hier nicht so recht wie wir uns verhalten sollen, lächeln sie etwas unsicher an, lassen die Kamera im Rucksack. Wir können uns ihr Verhalten nicht wirklich erklären, wo sie doch die Lehrer, die uns bei der Expedition begleiten und die ja selbst in den Dörfern wohnen, kennen. Das Thema beschäftigt uns und wir beschließen nachzufragen…

 

Van, unser Übersetzer, Berater für alles, Helfer in der Not und allgemeiner Stimmungsmacher gibt uns in seiner gewohnt sympathischen Art eine für ihn total selbstverständliche Antwort: „Na, die haben noch nie zuvor einen Ausländer gesehen.“ Wie bitte?

Wir sind die ersten Reisenden und auch ganz sicher die erste internationale Hilfsorganisation die jemals in diesen Bergdörfern aktiv war. Wow!

 

Mit dieser Antwort haben wir nicht gerechnet. Klar wussten wir, dass es solche Gegenden noch gibt – aber in Vietnam? Einem der touristischsten Länder der Welt? In diesem Moment geht uns auf jeden Fall ein Licht auf…

Denn das erklärt nicht nur das Verhalten der Dorfbewohner, sondern uns wird auch bewusst warum sich unsere Solarprojekte bis ins vietnamesische Innenministerium rumgesprochen haben. 😉

 

Abenteuer Vietnam: Sebastian bei der Vorbereitung

Abenteuer Vietnam: Anne freut sichDa waren wir also, völlig ahnungslos, und haben einfach mal in der politisch heikelsten Gegend des Landes, in der viele der Bergbewohner noch nie einen Ausländer gesehen haben, Solaranlagen installiert… 😉

Wo ein Wille, da ein Weg!

Dieses unfassbare Abenteuer, der ganze bürokratische Aufwand und all die Mühen haben uns mal wieder gezeigt, dass nichts unmöglich ist. Unsere Hilfsprojekte waren trotz all der Schwierigkeiten ein voller Erfolg!

 

Die Kinder können nur noch nach Sonnenuntergang lesen, spielen und Hausaufgaben machen und die Lehrer sitzen abends nicht mehr im Dunkeln. Und wir sind – bis auf ein paar blaue Flecken und einen erhöhten Adrenalinspiegel – wieder heil in Hanoi angekommen.

 

20 Solaranlagen auf sechs Bergschulen für 162 Kinder in 2 Tagen installieren? Ja, wir haben es geschafft! 🙂

 

 

Falls Du die komplette Story unserer Solarprojekte in Vietnam nachlesen möchtest gibt’s hier die Artikel dazu:

 

  1. Teil 1: 20 Schulräume brauchen Licht
  2. Teil 2: Vorbereitungskrimi Vietnam
  3. Teil 3: Abenteuer Vietnam – Projektumsetzung
  4. Teil 4: Projektkosten, neue Kooperation und ein großes Dankeschön

 

✏  Du möchtest bei unserem gemeinnützigen Verein Mitglied werden oder uns durch eine Spende unterstützen? Hier findest Du noch viele weitere Informationen zu unserer Solarmission! 😀

 

 

Viele weitere Infos und Artikel zu diesem faszinierenden Land gibt’s in unserem kostenlosen Online-Reiseführer:

 

7 Kommentare

  1. WOW was für eine krasse Story! Finde euer Engagement und euer Durchhaltevermögen echt bewundernswert. Ihr verändert das Leben der Menschen vor Ort komplett und das auch noch ehrenamtlich. Großen Respekt meinerseits und ich kann nur sagen… weiter so!!
    – Martin W.

    • Lieber Martin,
      wir freuen uns wirklich sehr über Deinen Kommentar und Deine anerkennenden Worte. Es ist toll so viel Unterstützung von unseren Lesern zu bekommen. Dankeschön dafür!
      Liebe Grüße aus gerade Bali
      Anne

  2. BOAH! ganz großer Respekt für euer Engagement und überhaupt diese geniale Idee. Den ärmsten der Armen zu helfen mit einer kostenlosen und nachhaltigen Energieversorgung… HAMMER!!!

    • Dankeschön für diesen lieben und für uns so sehr motivierenden Kommentar! Es freut uns wirklich riesig zu lesen, dass Du von dem Projekt genauso begeistert bist wie wir 🙂
      Liebe reisefrohe Grüße
      Anne

  3. Es rührt mich immer wieder zu Tränen, daß es auf dieser Welt so tolle Menschen gibt wie Euch.
    Menschen, die so selbstlos ihre Liebe in der Welt verteilen.
    Ich drücke Euch ganz fest. 😉

    • Liebe Nicole,
      vielen, vielen Dank für Deinen unglaublich schönen & herzlichen Kommentar! 🙂 Diese Anerkennung und Zustimmung motiviert uns weiter zu machen und noch vielen weiteren Menschen ohne Licht zu helfen.
      Wir drücken Dich ganz fest zurück! LG
      Anne & Sebastian

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